So funktioniert die Kunstindustrie - Wie Werke zu Werten werden

Wie oft liest man in den letzten Jahren von "mutigen Journalisten", deren heroische Tat bei genauerem Hinsehen doch nur ein Segeln mit dem Wind war. Echten Mut bewiesen haben alle Autoren des Handelsblatts, die am Themenschwerpunkt Kunstindustrie in der Wochenendausgabe 20./21./22. April 2018 mitgewirkt haben.

Enthüllungsgeschichten kommen lauter daher, zeigen mit allen verfügbaren Fingern auf das Skandalöse, bohren damit in die offengelegte Wunde, bis auch der Letzte empört aufschreit. Insofern war es keine Enthüllungsgeschichte. Niemand hat hörbar laut aufgeschrien. Nicht einmal weggeduckt haben sich die Beteiligten. Warum auch?

"Wie wird aus einem bemalten Stück Leinwand ein Millionenobjekt?"

Die Geschäfte laufen gut, sehr gut sogar. Der Kunstmarkt boomt.

Der Kunstmarkt, das sind die Werke von global gesehen einer überschaubaren Anzahl von Künstlern und wenigen Sammlern, Galeristen und Auktionshäusern. Dieses Kartell bestimmt was Kunst über den Preis. Zugespitzt ausgedrückt: Ein einflussreicher Sammler kann im Zusammenspiel mit einem Top-Galeristen fest Nicole Zepter zitiert in "Kunst hassen" den Sammler Falckenberg:

Ein Investment-Banker hat zu einem Dinner in ein Apartment in der Park Avenue eingeladen. Die Gäste bewundern neben seiner wunderschönen Wohnung auch die Kunstsammlungen. Besonders ein Gast schreitet von Gemälde zu Gemälde, bewundert Skulptur um Skulptur. Bis er lange vor einem Gemälde stehen bleibt und dann den Besitzer fragt: 'Von wem ist dieses Werk?' Und der Gastgeber antwortet: 'Das? Das ist von Gagosian'

Persönliche Vorlieben, das Verständnis von Kunst weniger, vielleicht sogar die Sympathie eines einzelnen einflussreichen Sammlers zu einem Künstler ist ausschlaggebend, was wir für 'große Kunst' halten, was wir auch morgen in den Museen sehen werden.

Diese einfache Wahrheit auszusprechen, das erfordert Mut. Gerade deswegen muss diese einfache Wahrheit immer aufs neue ausgesprochen werden. Dafür bin ich den Redakteuren den Handelsblatt dankbar. Denn im Umkehrschluss bedeutet das doch aus: Ich muss nicht alles toll finden, was mir als Kunst vorgesetzt wird. Ich muss diese Kunst nicht lieben, ich muss sie nicht einmal hassen - um bei Nicol Zepter zu bleiben. Ich, Sie und wir alle können "die große Kunst" einfach auch mal "nur schlecht" finden.